Vignetten aus Editionen der Gîtâ-Press, Gorakhpur

 

Suraghu und Parigha

Es gibt hier ein Gebirge namens Kailâsa. An seinem Fuss wohnen Kirâta (ein Bergvolk), bekannt auch als Hemadschata („mit goldenen Haarflechten”). Diese hatten einen edlen König, einen mächtigen Helden, namens Suraghu („sehr schnell”). Er versah die Pflichten eines Königs, indem er bestrafte und belohnte. Das Glück und Unglück, das daraus entstand, beschäftigte und bedrückte ihn sehr. Nun kam eines Tages der Muni Mândavya in sein Haus. Der König wandte sich an den grossen Muni: „Wenn ich strafe und belohne, entstehen Gedanken, die sich um die Betreffenden drehen, und machen mir – wie einem Elefanten die Krallen eines Löwen – ziemlich zu schaffen. So habe denn Mitleid und mache, dass Gleichmut in mir aufgehe – wie ein allgegenwärtiger Sonnenstrahl –, verehrter Muni!” – Mândavya sprach: Mit eigener Anstrengung, mit in einem Mittel, das in einem selbst vorhanden, o König, verschwindet wie Schnee diese Zartheit des Gemüts: Mit eigener Reflexion bloss kommt das Übel des Gemüts im Innern sofort zur Ruhe: Was bin ich? Wie entsteht das hier (die Welt) und was ist es? Wie kommt es zu Tod und Geburt? So sollst du im Innern überlegen. Du wirst bestimmt zur Grösse deiner wahren Natur finden!” – So sprach der Erhabene Mândavya und ging von dannen.
Nachdem sich der beste Muni fortbegeben, suchte der König einen einsamen Ort auf und beschäftigte sich mit dem Gedanken: Was, fürwahr, bin ich? Nichts als der Körper bin ich wohl, der mit Händen, Füssen usw. versehene Körper? Das aber will ich nun sogleich gründlich überprüfen. Da sind das Fleisch und die Knochen: das bin nicht ich, sie sind ohne Bewustseins. Auch die Sinne bin ich nicht. Ich schaue, was übrigbleibt: Ich bin das von Vorstellungen freie, vollkommen reine, absolute Bewusstsein! – So erlangte der König der Hemadschata den höchsten Ort, durch Einsatz der Urteilskraft. 

Höre als nächstes nun das wunderbare Gespräch zwischen dem erwachten, edlen Suraghu und dem Râdscharschi (Weisen adliger Herkunft) Parnâda („der Blätter isst”): Es war einmal ein Perserkönig, ein grosser Held, der – mit Namen Parigha – wie der Parigha (die Achsenstange) am Streitwagen hiess. Einst trug sich in Parighas Reich Enormes zu, das man nicht erwartet hatte: viele Leute starben, weil der Hunger ihr Leben zugrunde richtete. Nachdem Parigha dieses Unglück gesehen hatte, ohne etwas dagegen tun zu können, gab er das Königtum auf; er ging zur Askese in den Wald. Askese übte er und verzehrte trockene Blätter. Von da an ward ihm der Name Parnâda (Blätteresser”) zuteil. Dann, nach tausend Jahren, wurde ihm das in der Klarheit des Selbst liegende Wissen zuteil. Er wurde frei von allen Gegegensätzen (wie Liebe und Hass, Freude und Schmerz etc.), auf alles mit gleichem Auge schauend. Er wanderte nach Belieben durch diese Welt-Hütte hier. Eines Tages kam er zum Haus des Königs der Goldhaarigen. Folgendes redeten die beiden alten Freunde zusammen. Parigha sprach: Ist es nicht so, mein Lieber, dass du mit stets gleichem, sehr klarem und tiefem Blick die anstehenden Dinge nur als anstehende Dinge erledigst, weil du eben König bist? Ist es nicht so, dass frei von Sorge und Krankheit dieser Körper für dich ist? Und dass du nicht in den Genüssen, den nur im Augenblick ergötzlichen, versinkst? Ist es nicht so, dass du dich der vorstellungslosen Stätte, der höchsten Ruhe, dem Heil, dem Samâdhi (der Geistessammlung) anheim gibst?” – Suraghu sprach: Ein Wissender, sei es, dass er dauernd schweigt oder einer Beschäftigung nachgeht, sag mir, wann besitzt der ein Gemüt, das nicht gesammelt wäre? Diejenigen, deren Gemüt erwacht ist: auch wenn sie in der Welt Dinge tun, sind sie ganz dem Brahman, dessen alleinige Wirklichkeit das Selbst ist, hingegeben, ruhen sie stets in vollkommenem Samâdhi.” – Parigha sprach: O König, gewiss, du bist erwacht, du hast den Ort des Brahman erreicht. Makellos, gross, in voller Zufriedenheit, ohne das Elend des Ich, erscheinst du in dir selbst ruhend und leuchtest überall.”